• Lars Reckermann

Hochzeitstrilogie 1: Der Junggesellenabschied

Aktualisiert: Apr 8


Mitte April feiere ich 20. Hochzeitstag. Porzellanhochzeit wird dann gefeiert. In Erinnerung an meine Hochzeit schreibe ich hier und jetzt meine Hochzeitstrilogie. Denn diese Hochzeit gliedert sich in drei Teile. Teil 1: Der Junggesellenabschied. Teil 2: Die Rache. Teil 3: Die Rache der Rache. Los geht’s. Ach ja: Das hier wird peinlich, das betone ich im Text auch immer wieder. Also... sollten Sie von mir inzwischen ein eigentlich ganz anständiges Bild haben, lesen Sie bitte nicht weiter.

Junggesellenabschiede sind etwas Herrliches - aber nur, wenn man Ausrichter, nicht Betroffener ist. Zwei Wochen vor meiner Hochzeit erwischte es mich. Meine Freunde holten mich am 31. März des Jahres 2000 in der Redaktion ab. (Achtung, das Datum wird für den Teil 2 noch wichtig!)


Ich hatte keine Ahnung was mich erwartete, fühlte mich aber eher unwohl, als ich meine Bürokleidung durch eine so genannte „Schnell-Bumser-Hose“, ein Rippenunterhemd und eine weiße Wollpudelmütze ersetzen musste. Schnell-Bumser-Hose deshalb, klärten mich die Jungs auf, weil diese Jogginghose an den Beinen von der Sohle bis zur Taille über Druckknöpfe verfügte. Es genügte ein kräftiger Ruck und die Jogginghose hing einem wie in Fetzen am Bein herunter. Sie war also schnell auszuziehen. Daher wohl der Begriff.

Auf mein Rippenunterhemd schrieb die wahnsinnig gewordene Freunde-Meute deutliche, nein… eher derbe Avancen an die weiblichen Lebewesen dieses Planeten. Ja, ja, das ist alles peinlich und mir im nach hinein noch mehr. Allein der Asi-Spruch auf dem Rippenhemd würde mich heute mit einem eigenen Hashtag in die Schlagzeilen und vor ein Gericht bringen. Und womit? Mit Recht!


Erst einmal ging es zum Bahnhof in der Kreisstadt Unna. Es passte ganz gut, dass gerade Kirmes in Unna war, so konnte mein Proletenkostüm um weitere Accessoires wachsen. Etwa um eine Lederhalskette mit einer Patrone dran. „Wenn Dich jemand fragt, sagste, die habense dir aus dem Oberschenkel gezogen“, befahl mein Freund Maka. Warum gibt es überhaupt Ketten mit Patronen? Wer kauft so etwas? Ach ja, wir!


Mein Ziel, um den Abend zu überstehen, war schnell gefunden: Ich musste ganz schnell ganz doll betrunken werden. Was auf einem Junggesellenabschied ja nicht allzu schwer werden dürfte. Doch das war gar nicht so einfach. Es gab pro Mann nur ein Bierdöschen Wegverpflegung, dann ging es direkt nach Dortmund. Während sich der mich begleitende normal gekleidete Mob ein Bier nach dem anderen trank, musste ich mir meins verdienen – mit neckischen Spielen.


Spiel Nr.1: „Los, wenn Du die Schürze der Kellnerin bekommst, bezahlen wir die nächste Runde.“ Na nichts leichter als das. Wer würde nicht gerne eine trinkfreudige Meute in seiner Kneipe halten. Die Kellnerin zickte etwas herum, was ja anfänglich noch ganz lustig war. Kerstin hieß sie, ich weiß das deshalb, weil ich ihr im Tausch mit ihrer Schürze anbot, meine Erstgeborene Kerstin zu taufen. Spätestens dann hätte ich als Frau zugeschlagen. Kerstin machte aber einen auf bockig. Mein Durst war stärker als meine Ausdauer mit ihr, also ging ich direkt zum Chef, rechnete ihm den Verlust vor, den er hätte, wenn diese acht Saufbrüder und ich als Oberidiot sofort seine Kneipe verlassen würden, weil man mir ein DAB-Werbegeschenk in Form einer Kellnerschürze vorenthielt. Ich bekam sofort seine Schürze und wir blieben noch etwas.


„Zwei Runden bezahlen wir Dir, wenn Du uns einen BH besorgst." Das war schon ein anderes Kaliber. Und nein, fragen Sie mich bitte nicht immer in Gedanken, ob mir das unglaublich peinlich war. Noch einmal in aller Deutlichkeit: Ja, ja, ja!! Ja, ich weiß, dass das unglaublich peinlich ist. Sehen Sie das bitte als Therapie. Ich schreibe mir quasi diese voreheliche Sünde von der Seele.


Also zurück zum BH. Bitte denken Sie daran, dass ich aussah wie ein Psychopath. Ich quatschte in der Aufmachung zwei junge Frauen an und erklärte meine Situation. Die Mädels wollten den Spaß mitmachen, zumal sie Wechselwäsche bei sich hatten, weil sie bei ihren Freunden übernachten wollten. Warum sie dann mit Wechselwäsche in der Kneipe saßen? Ich weiß es nicht. Es war mir auch egal. Ich war ein Glückspilz. Allerdings waren die Mädels nicht nur nett, sondern auch geschäftstüchtig. 50 Mark wollten sie haben und die Klamotten am nächsten Tag von mir zurückgeschickt bekommen. Was tun? Jahrelanger Spott der versammelten Bruderschaft oder ein vermutlich überzogenes Bankkonto (der Abend war gerade eine Stunde alt). Ich entschied mich gegen die Bank und zahlte klammheimlich das Geld. Ein Mädel klaubte ihre Unterwäsche aus der Sporttasche, die am Tisch stand, verschwand kurz auf die Toilette, um das Theaterspiel perfekt erscheinen zu lassen und übergaben mir dann ihren BH. Ich muss es einfach noch einmal betonen: Heute hätte ich einen eigenen Hashtag und wäre vorbetraft. Wer übrigens schon einmal in einen Junggesellinnenabend hineingestolpert ist, kennt ganz andere Spielchen, egal.


Ich wurde von meinen Männern umgehend aufgefordert, der BH-Spenderin und ihrer Freundin zumindest einen Cocktail auszugeben, was die Aktion „unterm Strich“ zu einem 80-Mark-Erlebnis machte – sauber.

Ich hatte den Kaffee auf, die Jungs ihr Bier noch lange nicht. Weiter ging’s in einen Nachtclub. Sekt (0,1 Liter) acht Mark, Bier (0,2 Liter) fünf. Für ein Glas Sekt setzte sich eine junge Frau auf meinen Schoß. Sie blieb exakt so lange, bis sie ihre Puffbrause ausgesüppelt hatte. Ich spendierte unseren ewigen Junggesellen auch zwei Sekt – damit waren die Damen inklusive. Die Idioten tranken das Zeug selber aus, auf Ex. Die Damen kamen nicht einmal dazu, auf dem Schoß Platz zu nehmen.


Oh Wunder, ich wurde auch noch auf die kleine Bühne gebeten und durfte einen neckischen Tanz aus der ersten Reihe erleben. Wieder runter von der Bühne fragte ich, warum ich von meinen Kumpels für diese Aktion, die normalerweise jahrelang von einem Psychologen behandelt werden muss keinen Ausgegeben bekomme (kurzer Hinweis: erinnern Sie sich noch, welche Hose ich trug? Eben!). „Haste doch“, sagte Maka. Achtung, was jetzt kommt ist kein Witz. Es kostete die Jungs 60 Mark, dass ich Vollhorst überhaupt auf die Bühne geholt wurde. Da wähnt man sich als sexy Showeinlage und endet als tumber Nacktbar-Idiot.


Den Absacker nahmen wir gegen 4 oder 5 Uhr morgens in Ernies Bar am Bahnhof in Dortmund. Als wir Dortmunds wohl schmierigste Kneipe betraten, warnte uns ein Gast beim Herausgehen: „Trinkt bloß nichts aus Gläsern.“ Die Wirtin war betrunkener als alle ihre Gäste zusammen. Alles klebte in der Bude und die Gläserreihe im Regal sah aus, als diene sie als Kulisse für einen Horrorfilm. Ein Gast leckte die Musikbox ab. Nicht immer, sondern nur dann, wenn Nana Mouskouri sang. Was für ein Schuppen. „Was wollt ihr?“ raunzte uns die rotzevolle Wirtin an. Der harte Kern meiner Truppe war auf vier Männer zusammengeschrumpft. „Bier“ orderte mein Kumpel Jürgen. „Flasche oder Glas“, kam die Nachfrage der Wirtin. Jeder, aber auch ausnahmslos jeder Gast in der Kneipe, selbst der komatöse Vorzeigesäufer mit dem Kopf auf dem Tresen, brüllte: „Flasche!“


Als es hell wurde war ich zu Hause. Ich musste einiges über mich ergehen lassen, hatte mein Konto schmerzhaft überzogen – und eben jene Geschichte für meine Halbzeitbiografie. Das war aber erst der Auftakt. Ich hatte noch ein Rache-As im Ärmel. Dazu mehr in Teil II dieser Hochzeitstrilogie.





Reichen eigentlich 49 Jahre, na gut, fast 50 Lebensjahre aus, um eine Halbzeitbiografie zu schreiben? Ich denke, es hat sich eine Menge Kurioses, Schönes, Nachdenkliches und Lustiges angesammelt. Bis zu meinem 50. Geburtstag schreibe ich einige Erinnerungen hier einfach einmal nieder. Will doch keiner lesen? Ja Gott, dann lasst es. Wen es interessiert ... willkommen in meiner Welt.

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