• Lars Reckermann

Die Schließung der Westfälischen Rundschau


Dieser Halbzeitbiografie-Geschichte muss ich ein Vorwort voranstellen. Die hier geschilderten Eindrücke sind ausschließlich meine subjektiven Eindrücke. Vieles, was ich hier aufschreibe, wird von den vielen betroffenen Kolleginnen und Kollegen sicherlich anders gesehen. Meine Frau ist mit diesem Text übrigens ganz und gar nicht einverstanden. Sie meint, dass ich Vergangenes endlich hinter mir lassen sollte. Meine Halbzeitbiografie wäre indes ohne den 15. Januar 2013 nicht vollständig.


Am 14. Januar 2013 weilte ich meinem ersten Neujahrsempfang der Stadt Dortmund bei. Seit August 2012 war ich stellvertretender Chefredakteur der Westfälischen Rundschau (WR). So richtig genießen konnte ich den Empfang im Dortmunder Konzerthaus nicht. Am nächsten Tag war die komplette WR-Belegschaft zur Mitarbeiterversammlung ins Druckhaus nach Hagen-Bathey eingeladen worden. Es war üblich, dass die Geschäftsführung regelmäßig über zukünftige Projekte und auch unschöne Maßnahmen informierte. Mein Chefredakteur Malte war an diesem 14. Januar abends nach Essen, in die WAZ-Zentrale, einbestellt worden. Auch das war nicht ganz unüblich, weil es durchaus Sinn macht, dass sich Geschäftsführung und Chefredakteur vor einer Versammlung noch einmal kurzschließen. Sich indes erst ein paar Stunden vor der Versammlung zuzusammenzusetzen, war nicht üblich. Wir hatten uns innerhalb der Chefredaktion deshalb für den 15. Januar früh morgens verabredet, um dann zu besprechen, was Malte aus Essen zu erzählen hatte. Mit Malte und mir gehörte noch Peter als Chef vom Dienst zur WR-Chefredaktion


Seit Oktober 2012 waren wir innerhalb der Chefredaktion im Krisenmodus. Mir war der Ernst der Lage anfangs überhaupt nicht bewusst. Es gab auch keinen Anlass dafür. Die WAZ-Gruppe (heute Funke), zu der die WR gehört(e), machte im Spätsommer 2012 eine groß angelegte Leserbefragung. Alle Titel (WR, WP, NRZ, WAZ) hatten noch einmal die Blattstruktur geändert. Das Layout wurde moderner, die Inhalte mit optischen Erklärstücken ergänzt. Lokale Offensive hieß das.


Zu den im Rahmen der neuen Blattstruktur angesetzten Live-Befragungen mit einem Dutzend Leserinnen und Leser waren immer alle Chefredaktionen eingeladen, ganz gleich, welcher Titel gerade von den Lesern analysiert wurde. Da die Befragungen den ganzen Tag dauerten – meist in einem Hotel -, saß man zuweilen noch einmal am Abend an einer Hotelbar zusammen und redete über das Gehörte. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kollegen von der WAZ, bei dem ich ihm von einer neuen Idee für eine Serie erzählte. Er hörte etwas abwesend zu (was ich für etwas unhöflich hielt) und sagte dann, dass wir uns doch erst um unsere Finanzen und dann um neue Serien kümmern sollten. Sie müssen wissen, dass es immer kleine Reibereien zwischen der WAZ und der WR gab. Die WR hatte mehr das Malocher-Image. Sie hatte einen sehr streitbaren Betriebsrat und zuweilen innerhalb der WAZ ein regelrechtes Aufmüpfigen-Image, mit der alle WR-Kollegen aber prima leben konnten. Die WR war mehr der Schimanski, die WAZ hatte mehr James-Bond-Allüren. Also „Pils vom Faß“ gegen „Martini - geschüttelt, nicht gerührt“. Ich war auf jeden Fall nach dem Spruch etwas gekränkt, bezog den Satz aber mehr auf Statusgehabe. Da hat der WAZ-Mann dem frischgebackenen Vize-Chefredakteur der WR mal eben erklärt, wer hier an welchen Baum zuerst gepinkelt hat. Ob der Kollege damals schon mehr wusste, als ich? Ich kann es Ihnen nicht sagen.


Dass wir innerhalb der WR sparen mussten, war uns klar. Zumindest die Zahlen, die uns in der Chefredaktion vorlagen, waren alles andere als rosig. Es gab ein Millionendefizit bei der WR. Ohne die WAZ-Gruppe wären wir als Einzeltitel längst insolvent. In Zeiten, in denen genug Geld verdient wurde, dass man auch ein prekäres Geschwisterteil locker durchziehen konnte, war das egal. Das Zeitungsgeschäft bröckelte aber schon. Die superfetten Jahre waren vorbei und die fetten Jahre schielten schon kräftig in Richtung Schonkost.

In der WR-Chefredaktion machten wir uns Gedanken, wie das Defizit verringert werden konnte: Nicht-Neubesetzung von freigewordenen Stellen, Marketingmaßnahmen zurückfahren (in Dortmund herrschte ein unbarmherziger Abo-Krieg). Das alles hätte aber nicht gereicht. Wenn wir uns indes von den Redaktionen oder besser von allen Redaktionen im Märkischen Kreis trennen würden, wären wir (so ging zumindest unsere Rechnung) schlagartig saniert. Bei so einem Schritt müssen indes auch Anzeigengebiete gesehen werden, etwaige Logistikooperationen und (für uns viel wichtiger) die dort für die WR arbeitenden Menschen. Wir dachten schon damals intensiv über Kooperationen nach, über den Austausch von Artikeln. In vielen Gebieten machte sich die WAZ gegenseitig Konkurrenz. Die WR und die Westfalenpost hatten etliche Überschneidungen. Kurzum: Es wurde viel gerechnet und es wurden noch mehr Excel-Tabellen herumgereicht.


Anfang Dezember tauchte dann in einem Artikel eines Branchendienstes der Satz auf, dass Essen (die Stadt stand stellvertretend für den WAZ-Konzern, weil dort die Geschäftsführung und die Verleger saßen) darüber nachdenke, sich von der WR zu trennen. Ein einziger Satz. Nicht mehr. Der Satz verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die WR-Zentrale am Brüderweg in Dortmund und durch alle Außenredaktionen. Malte wandte sich umgehend an die Geschäftsführung und bat um Richtigstellung. So etwas dürfe doch nicht unkommentiert im Raum stehen gelassen werden. Essen antwortete kurz: Es käme bald etwas. Man müsse doch nicht auf jede Meldung reagieren. Wir merkten schnell, dass wir hingehalten werden sollten. Das etwas passieren würde, war uns klar. Aber was? Unser worst case war die Abspaltung des Märkischen Kreises. Wenn es also zum Showdown kommen sollte, wollten wir zuerst unsere kleineren Maßnahmen in die Waagschale werfen. Am Ende und nur, wenn wir keinen weiteren Ausweg sehen würden, den Märkischen Kreis. Das war zumindest unsere Strategie.


Nun also zurück zum 14. Januar. Welche Stücke die Dortmunder Philharmoniker an diesem Abend gespielt haben, weiß ich nicht mehr. Als der offizielle Teil zu Ende war, verließ ich kurz das Konzerthaus, um mein Handy wieder einzuschalten. Es muss gegen 21 oder 22 Uhr gewesen sein. Der damalige Dortmunder Redaktionsleiter kam zu mir und fragte, ob ich schon was von Malte, also unserem Chefredakteur, gehört hätte. Hatte ich nicht. Ich versprach, Malte anzurufen und dann zu berichten. Als ich Malte ans Telefon bekam, hörte ich sofort, dass etwas Schreckliches in Essen vorgefallen sein musste. Den genauen Wortlaut habe ich vergessen. Ich erinnere mich an „die machen alles zu“ und „wir müssen uns sofort bei Peter treffen“. Peter wohnte direkt in Dortmund. Ich verließ sofort das Konzerthaus. Auf dem Weg zum Auto rief ich meine Frau an. Ich habe geweint und ihr schluchzend mitgeteilt, dass es heute Abend spät werden würde. Dass meine Frau weinte, daran erinnere ich mich noch sehr genau. Ein Albtraum.

Peter verteilte Schnäpse. Malte erzählte, dass ihm gerade mitgeteilt wurde, dass die komplette Redaktion abgewickelt werden soll. Ich wollte gar nichts mehr hören. Das war es. Aus! Vorbei! Wir haben bis früh morgens geredet. Ich weiß aber nicht mehr was. Es war alles so unglaublich. Ich war wütend. Ich wollte jemanden verprügeln. Mir gingen eintausend Dinge durch den Kopf. Was wird aus der Familie? Was wird aus Dir? Das Haus in Holzwickede verschuldet und vor sieben Jahren noch einmal für viel Geld umgebaut. Was wird aus den Kollegen? Welchen Job kannst Du noch außer Redakteur? Sollte ich schon einmal den nächsten Urlaub stornieren? Schon komisch, welche Gedanken einem durch den Kopf jagen – und in welcher Reihenfolge.


Ich fuhr noch kurz nach Hause, um mich umzuziehen und zu duschen. An Schlaf war nicht zu denken. An den zeitlichen Ablauf des 15. Januars kann ich mich auch nur noch rudimentär erinnern. Ich erinnere mich daran, dass wir als Chefredaktion vor den Kollegen und vor dem Betriebsrat mit der Geschäftsführung in Hagen-Bathey zusammentrafen. Ich meine, es war gegen 8 Uhr. Alle drei damaligen Geschäftsführer der WAZ-Gruppe waren dabei - und der damalige Personalchef Joachim Kopatzki. Zumindest er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er sah wirklich mitgenommen aus. Diese Nummer ging nicht spurlos an ihm vorbei. Dieses Gefühl hatte ich bei den drei Geschäftsführern nicht. Sie hatten das Szenario ja bereits durchgespielt. Ein Zurück gab es nicht mehr. Der Titel bleibt, die Kolleginnen und Kollegen werden abgefunden, der Mantelteil der Zeitung (Politik, Wirtschaft etc.) kommt aus der Zentralredaktion in Essen, und die Lokalteile, in denen die Auflage noch vorzeigbar war, werden von der Konkurrenz dazugekauft, von eigenen Titeln übernommen oder geschlossen. Als uns das etwa zwei Stunden vor den anderen Kolleginnen und Kollegen erzählt wurde, klang es, wie ein ganz normaler Vorgang. Vermutlich gab es auch Worte des Bedauerns, ich habe sie indes nicht wahrgenommen. Ich saß in dem Raum wie ein Kind, dem gerade gesagt wurde, dass es zwar gute Arbeit geleistet habe, dennoch nicht versetzt, nein eigentlich sogar direkt von der Schule genommen wird. Während die Geschäftsführung Kennzahlen und das weitere Procedere erläuterte, ging ich in den Gedanken meine zerstörte berufliche Zukunft durch. Was nun? Wen könnte ich ansprechen, um einen neuen Job zu bekommen? Ich Egoist habe erst einmal nur an mich gedacht.


Nach uns wurde der Betriebsrat informiert, dann gingen wir in den großen Konferenzraum, wo fast alle WR-Kolleginnen und -Kollegen saßen. Als wir den Raum betraten, wurde es totenstill. Unsere Plätze waren in der ersten Reihe. Ich habe diese Versammlung komplett verdrängt. Ich weiß nur noch, dass ich unsere Redaktionsassistentin Petra beim Gang Richtung erste Reihe in die Augen schaute. Sie sagte mir später einmal, dass sie bei meinem Anblick sofort wusste, dass jetzt das Aus verkündet werde. Und noch ein Detail habe ich vor Augen. Als irgendjemand von der Geschäftsführung das Aus rechtfertigen wollte, stand mein Kollege Volker auf und bat darum, nicht alle hier zu verarschen. Kopatzki ergriff darauf das Wort und gab Volker Recht. „Ja, hier gibt es nichts schönzureden. Das ist einfach nur schrecklich“, sagte er sinngemäß. Auf der Rückfahrt von Hagen-Bathey zurück ins Büro lief die Nachricht vom ersten Zeitung-Aus bereits im Radio. Die WAZ hatte eine Presseerklärung herausgegeben.


Ich wurde in den nächsten Tagen oft gefragt, seit wann ich vom Aus der WR gewusst habe. Es war der 14. Januar 2013 gegen 22 Uhr. Nicht früher. Und so ging es Malte und Peter auch. Ich habe Jahre danach einmal ein WAZ-Führungsmitglied gefragt, warum die Chefredaktion nicht früher unterrichtet wurde. Man vertraute uns nicht, dass wir diese Maßnahme für uns behalten würden, bis alles in trockenen Tücher sei. „In trockenen Tücher“ bedeutete, dass Verträge mit anderen Verlagen gezeichnet werden mussten, dass im Notfall von heute auf morgen die WR auch ohne Mannschaft hätte erscheinen können. Immerhin betrug die Druckauflage konzerneigenen Angaben zufolge noch 115.000 Exemplare.


Es gab ein millionenschweres Abfindungspaket für die WR-Kolleginnen und Kollegen. Aber wie lange halten (ich glaube) 1,5 Monatsgehälter pro Jahr Betriebszugehörigkeit als Abfindung, wenn man Ende 30 oder Ende 40 oder Mitte 50 ist und ein Haus vor Ort hat, Familie, Freunde…? Wobei: Ein Freund von mir, der mit dem Zeitungsgeschäft gar nichts am Hut hat, meinte einmal, als ich wieder jammerte, er könne es echt nicht mehr hören. Drei Mal sei seine Firma verkauft worden, immer seien seine neuen Arbeitsverträge verschlechtert worden. „Willkommen in der Welt“, sagte er. Ja klar. Ich habe ja auch regelmäßig über solche Dinge berichtet, aber das passierte doch anderen. Das durfte doch nicht mir passieren.


14 Tage sollte die WR noch von lebenden Redakteuren gemacht werden. Dann, Anfang Februar 2013, sollte aus der WR die „Zombiezeitung“ werden. Ich weiß nicht, wer diese Bezeichnung erfunden hat. Der Begriff sollte deutlich machen, dass eine Zeitung auch ohne Seele, sprich die eigentlich für den Titel arbeitenden Menschen, erstellt werden konnte.

Die Wut auf die da Oben, war riesengroß. Und für einige Kollegen gehörte ich dazu. Als in den Außenredaktionen die ersten Geschichten erschienen, in denen das Aus der WR unter anderem mit faschistischen Machenschaften verglichen wurde, griff ich ein. In einer Mail bat ich die Kollegen, nicht in eigener Sache zu berichten, sondern alle die WR betreffenden Artikel an die Chefredaktion zu senden. Die Mail wurde mir nicht aus Essen diktiert, niemand hielt meine Hand oder drückte die Tasten auf meiner Tastatur. Das war einzig und alleine ich. Es gab da eine sehr umstrittene Geschichte, die ein Kollege zum Aus in seine Lokalausgabe heben wollte. Ich holte mir Rat bei einem Betriebsratsmitglied. Wir waren der Überzeugung, dass dem Kollegen sofort hätte fristlos gekündigt werden können. Das hieße das Aus für alle Abfindungsgespräche oder eine etwaige Übernahme durch einen anderen WAZ-Titel. Das wollte ich vermeiden. Da waren wir uns in der Chefredaktion einig. Ich weiß, das klingt nach Rechtfertigung. Ich will mir auch posthum keinen Orden verleihen. Gott bewahre. So habe ich es aber damals gesehen.


Die Mail war in der Welt und ich bekam den Titel des "Zensors". Spiegel, taz …, sie alle berichteten, dass Lars Reckermann die WR jetzt auch noch mundtot macht. Im WAZ eigenen Blog, der öffentlich für jeden ist, überschlugen sich die Leserkommentare. Weder Spiegel noch taz oder die mich dort beschimpfenden Menschen haben je mit mir gesprochen. Ein Kollege gab mir den Namen „Das war’s Lars.“ Ein anderer Kollege schickte mir in einem Umschlag Geld. Ich hätte ihm einmal etwas ausgegeben. Das wolle er nun rückgängig machen.


Ich weiß, es gab unter den 120 Festangestellten und den etwa 180 freien Mitarbeitern weitaus schlimmere Situationen. Dieser Blog soll auch nicht Schicksale oder Lebensläufe miteinander vergleichen. Deshalb sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass dies meine Halbzeitbiografie ist. Zur Wahrheit zählt aber auch, dass ich, anders als die Kolleginnen und Kollegen, noch keine Kündigung erhielt. Mir war aber sehr schnell klar, dass eine Zeitung, die am Ende von zwei Personen gemacht und von einer verantwortet werden sollte, ganz bestimmt keinen stellvertretenden Chefredakteur mehr benötigt.


Malte und ich riefen in den Tagen nach dem 15. Januar alle uns bekannten Chefredaktionen an: vom Süden bis in den Norden. Wir machten Werbung für die Kollegen und fragten nach freien Stellen. Und wir schrieben Zeugnisse, hunderte Zeugnisse. Und wir alle machten noch Zeitung. Bis zum letzten Tag, bis zum 1. Februar 2013. In einer kleinen Kolumne, die in der gedruckten WR immer auf der zweiten Seite stand, drehte sich seit Bekanntgabe der Schließung alles um die Zahl 120. Das war die Zahl der festangestellten WR-Mitarbeiter - mal befanden sich auf der Windschutzscheibe 120 Fliegen, mal ging es um mindestens 120 Blondinenwitze. In Dortmund gab es direkt am Samstag nach Bekanntgabe der Schließung, am 19. Januar, eine Demonstration. Ich war mir sehr unsicher, ob man mich da sehen wollte, war aber natürlich mit meiner Familie und meinen Eltern anwesend. Ich hatte mich durch das Internet extrem verunsichern lassen. Im Schmerz über die Schließung der WR waren wir an diesem regnerischen Januarsamstag aber alle wieder vereint.


Annette, meine Redaktionsassistentin in Dortmund, war großer Fan der Gruppe „Runrig“. Ich weiß noch, dass wir in den letzten Tagen der WR immer mit voller Lautstärke das Lied „Loch Lomond“ gehört haben. Ein schottisches Traditional über zwei Soldaten von denen der eine den Weg nach Hause, der andere den Weg in den Untergrund antritt. Passte ja irgendwie. Für einige Kolleginnen und Kollegen ging das Leben direkt weiter, sie fanden schnell neue Aufgaben, andere kamen nicht so schnell auf die Beine, eventuell bis heute nicht. Ich habe damals viele Fehler gemacht. Wir haben im Nachgang betrachtet auch so manche falsche Entscheidung getroffen. Natürlich. Was für eine Situation. Ein kompletter Zeitungstitel wurde abgewickelt. Dafür gibt es kein Handbuch. Es gibt keine Checkliste, was als nächstes zu beachten ist. Die Kollegen, zu denen ich heute noch Kontakt habe, haben ihren Lebenslauf zwangsläufig geändert. Es wird oft melancholisch, wenn die WR angesprochen wird. Das war es aber schon. Zumindest meine Freunde und ich blicken nicht (mehr) im Zorn zurück.


Als die letzte gedruckte Ausgabe produziert war, gab es am Abend im Haupthaus am Brüderweg einen Leichenschmaus. Na ja, es war ein Besäufnis. Als ich Montag wieder ins Büro ging, saß ich dort mit Malte und Peter alleine. Die Kollegen waren freigestellt. Die Büroräume sahen aus, wie nach dem Abwurf einer Neutronenbombe. Stühle, Tassen, Aschenbecher..., alles stand dort wie am Wochenende. Nur die Menschen fehlten. Was für ein unglaublich trauriger Anblick. Es hingen sogar noch Jacken an den Haken. Meiner Frau sagte ich damals, wenn ich mit einem verschmitzten Jack-Nicholas-Lächeln und einer Axt in der Hand nach Hause kommen sollte, möge sie sich doch um eine adäquate Betreuung kümmern.


Als ich mich entschied, die WAZ zu verlassen, hatte ich bereits erste Gespräche bei der Schwäbischen Post geführt. Eigentlich konnte ich mir aber nicht vorstellen, das Ruhrgebiet zu verlassen und auf die Ostalb zu ziehen. Familie, Freunde…, mein ganzes Leben hatte ich in Holzwickede verbracht. Ich kündigte trotzdem bei der WAZ und erhielt wenige Tage später die Nachricht, dass sich die Verleger der Schwäbischen Post unter den angesprochenen Kandidaten für mich als neuen Chefredakteur ausgesprochen hatten. Jetzt mussten wir uns entscheiden. Es war mehr eine Flucht, die ich antrat. Fort aus dem Ruhrgebiet, wo ich bis auf die wohl kürzeste und erfolgloseste Zeit eines stellvertretenden Chefredakteurs nicht wirklich etwas Beeindruckendes in meinen Lebenslauf hätte schreiben können. Die WR war natürlich auch bei den Bewerbungsrunden Thema auf der Ostalb. Natürlich macht man sich als Kandidat Gedanken, wie so ein Gespräch laufen wird. Was wird die erste Frage sein? Wie antworte ich darauf? Ich war auf viele erste Fragen vorbereitet, aber der damalige Geschäftsführer in Aalen, Werner Gnieser, überraschte mich mit der Frage: „Und, wie fühlt man sich so, wenn man den Namen ‚Das war’s Lars‘ bekommt?“ Ich antwortete, dass dies bislang mein absoluter beruflicher Tiefpunkt gewesen ist und dass ich persönlich tief getroffen bin und dass ich zum ersten Mal vor dem PC weinen musste, als ich all die Dinge über mich las. Werner erzählte mir später einmal, dass er sich nicht für mich ausgesprochen hätte, wenn ich „mit so einem Führungskräfte Wischiwaschi“ geantwortete hätte, dass so etwas eben zum Business dazu gehöre. Das fand ich klasse. Im Oktober 2013 trat ich meine neue Stelle an. Als Familie waren wir quasi über Nacht aus dem Pott ausgezogen. Es ging wahnsinnig schnell. Meine drei Jahre auf der Ostalb, ich schrieb es bereits, waren unglaublich lehrreich und schön.


Fazit: Was wäre wenn…? Ich frage mich oft, was wäre gewesen, wenn es die WR noch geben würde? Aus der siebenjährigen Distanz wäre es für mich so: Ich hätte nie Aalen, Ebnat und die Ostalb kennengelernt. Ich hätte nie neue Nachbarn kennengelernt, neue Freunde, neue Kneipen ;-) Meine Tochter hätte nie diesen ersten Freund gehabt. Ich hätte nie in Ebnat und Ekern Tischtennis gespielt, ich hätte nie 150 neue Kolleginnen und Kollegen erleben und schätzen dürfen. Ich hätte keine Wanderschuhe und keinen Regenponcho, wüsste nicht wie Kutteln schmecken und Grünkohl mit Haferflocken. Ich würde aber auch nicht das Gefühl der Existenzangst kennen. Vieles Schlechte habe ich verdrängt. Das ist wohl eine psychische Schutzfunktion. Im Nachgang wird eben vieles melancholisch aufgehübscht. Alle 300 Betroffene haben ihre eigene Geschichte. In diesen Tagen denke ich wieder etwas mehr an sie.

Reichen eigentlich 49 Jahre, na gut, fast 50 Lebensjahre aus, um eine Halbzeitbiografie zu schreiben? Ich denke, es hat sich eine Menge Kurioses, Schönes, Nachdenkliches und Lustiges angesammelt. Bis zu meinem 50. Geburtstag schreibe ich einige Erinnerungen hier einfach einmal nieder. Will doch keiner lesen? Ja Gott, dann lasst es. Wen es interessiert ... willkommen in meiner Welt.

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