• Lars Reckermann

Drei Studenten und ein Rotbebrillter

Aktualisiert: Jan 14


Ich möchte Ihnen heute von meinem Studium erzählen. Ich habe mit meinem Kumpel Olle studiert, dem ich wohl auch zu verdanken habe, dass ich mein Studium abgeschlossen habe. Olle weiß das nicht, aber der Oberstreber sammelte jedes Semester Seminarscheine wie meine Oma damals Rabattmarken im Konsum. Hätte ich auch nur ein Semester verschleudert, wäre er mir davongezogen. Tja Olle, danke für meinen Magister. Du warst quasi mein Tempogeber. Zum Glück war Olle nur ein Seminarscheinstreber und kein richtiger Streber. Wir konnten super miteinander blödeln und machten uns über so manche schrägen Typen in den Seminaren lustig.


Da gab es etwa einen rotbebrillten Seminarleiter (rotes Brillen-Horngestell, sollte lässig wirken, wirkte auf uns aber nur albern). Der Typ war das klassische Beispiel was passiert, wenn ein Idiot Macht erhält. Der Kerl durfte als Tutor ein PC-Seminar leiten und haute auf die Kacke, als sei er der Pharao und wir seine Pyramidenbauer. Wir mochten beide den Typen nicht. Da wir dieses Seminar besuchten, nannte er alle Teilnehmer PC-Freaks. Ich fand das so schräg, dass ich unter mein Namensschild im Studentenwohnheim den Zusatz PC-Freak aufnahm.


Irgendwann trafen Olle und ich den Rotbebrillten (nur so hieß und heißt er noch heute bei uns) in einem Hauptseminar. Als er dort ein Referat halten musste, begann er es mit den aus unserer Sicht schon legendären Worten: „In Afrika ist es sehr lange, sehr heiß gewesen.“ Leider löste dieser Satz nur bei Olle und mir einen Lachkrampf, bei dem Prof. aber keine Exmatrikulationsgelüste aus. Noch einmal sahen wir ihn wieder, als wir für einen unglaublich hohen Stundenlohn (ich meine elf oder zwölf Mark), bei der Telekom in Münster eine Inventur durchführen mussten. Alle elektronischen Geräte (bis hin zur Kaffeemaschine) mussten erfasst werden. Wir hätten mit der Aufgabe in einem halben Tag fertig sein können. Da aber vier Tage oder, ich glaube, sogar eine Woche angesetzt war, haben wir uns mächtig Zeit gelassen. Rudi, ebenfalls ein Studienfreund von mir, war irgendwie an den Titel Supervisor gekommen. Er leitete die Aktion, hatte aber auch kein Interesse an einem frühen Aus seines Vertrages. Wieso auch? Als Supervisor zog er sich die doppelt soviel Kohle rein wie wir PC-Freaks. Der Rotbebrillte war auch dabei. Er war wie wir einfacher Fußsoldat bei der Inventur, drückte aber aufs Tempo, weil er eben sorgsam mit dem Geld seines Interimsarbeitgebers umgehen wollte. Na ja, zumindest wünscht sich so jemanden jeder Arbeitgeber. Ich habe keine Ahnung was aus dem Typen geworden ist.


Olle und ich manövrierten uns auch in manche peinliche Situation. Da gab es etwa das Wochenendseminar „Politische Rollenspiele“. Für zwei Tage Blockseminar, also ganztägig, gab es einen vollen Schein – ein aus unserer Sicht unschlagbares Angebot. Wir sollten den politischen Prozess der Koalitionsbildung lernen. Blöd für Olle und mich, dass wir inzwischen bei all den Strebern so unangepasst waren, dass wir in dem kleinen fiktiven Bundestag nur noch die ganz rechte Gruppe repräsentieren durften. Niemand wollte mit uns eine Koalition eingehen. Während die Studenten der Grünen, FDP, CDU und SPD zwei Tage volle Ladung malochten und Koalitionsverträge ausformulierten, wurde wir nach den ersten fünf Minuten, die das Seminar lief, von durchweg allen Parteien informiert, dass man mit uns auf keinen Fall sprechen wolle. Zu unserer Gruppe gehörte noch ein Student, der völlig ausrastete, weil niemand mit uns sprechen wollte. Er schrie bei jeder Parlamentssitzung in Richtung SPD, dass sich gerade wahlweise Ferdinand Lassalle, August Bebel oder Wilhelm Liebknecht im Grabe herumdrehen würde, weil ausgerechnet die Arbeiterpartei seine harte Koalitionsarbeit nicht zu schätzen weiß. Wir wussten uns in unserer Not nicht anders zu helfen, als permanent vor den fiktiven Parteibüros zu demonstrieren und anonyme Bombendrohungen auszusprechen. Im Nachhinein fallen mir nur zwei Worte zu diesem Seminar ein: Wie peinlich!


Olle ist wie ich Redakteur geworden, wir sehen uns nur noch selten, versprechen uns aber bei jedem Gespräch, uns endlich bald wiederzusehen. Vielleicht klappt es ja im Jahre 2020. Rudi hat seinen damals erworbenen Titel nie abgegeben. Heute darf er sich indes Dr. Rudi nennen. Statt Supervisor ist er nun Direktor des Programmes für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen, der alte Streber.


Reichen eigentlich 49 Jahre, na gut, fast 50 Lebensjahre aus, um eine Halbzeitbiografie zu schreiben? Ich denke, es hat sich eine Menge Kurioses, Schönes, Nachdenkliches und Lustiges angesammelt. Bis zu meinem 50. Geburtstag schreibe ich einige Erinnerungen hier einfach einmal nieder. Will doch keiner lesen? Ja Gott, dann lasst es. Wen es interessiert ... willkommen in meiner Welt.

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