• Lars Reckermann

Ein Königreich für eine Mofa


Die Herkules Prima 2s sieht exakt aus wie die 3s (Foto: Mofa-Museum.de)

Ich habe als Teenager so lange genörgelt, bis mir meine Eltern ein Mofa gekauft haben. Alle meine Freunde hatten ein Mofa, also wollte ich nicht der Einzige sein, der vom Strampeln auf dem Fahrrad nach Schweiß roch. Ich wollte nach Benzingemisch riechen. Heute wäre vermutlich der Junge am Coolsten, der mit dem Rad unterwegs ist. Früher waren der atmungsbehindernde, eng über jede Jacke getragene Nierengurt und der schwarze Nolan-Helm mit dem dunklen Visier und eben jener permanente Tankstellengeruch das Pheromon der 80er-Jahre-Jugend. Das redete ich mir zumindest ein.


Die Herkules Prima 5s (Foto: Mofa-Museum.de)

Das Mofa musste natürlich etwas her machen. Die Herkules Prima 5, gerne auch Prima 5s, gab da den Standard vor. Wer Mitte der 80er Jahre in der oberen Liga mitfahren wollte, hatte eine 5s oder eine Zündapp Hai in der Garage stehen. Wer den Pokal wollte, der schraubte mit seinen großen Brüdern oder seinem Vater täglich an dem Mofa rum und konnte das Teil locker auf 50 Kilometer pro Stunde bringen statt auf die gesetzlich vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von maximal 25 km/h. Ich hatte keine großen Brüder und mein Vater hat einmal versucht, mit einem alten Honda Civic einen Baumstamm (Kiefer, Tiefwurzler) aus dem Erdreich zu ziehen. Das Öffnen des Tankdeckels war für ihn der komplexeste Teil des Autofahrens. Dementsprechend hatte ich überhaupt keine Ahnung von Mofas, von Motoren, Krümmern, Ritzeln … all das Fachwissen, was es benötigte, um ein Mofa zu frisieren.


Ich fand die Prima 5s von Herkuels aber auch immer toll. Die gab es in blau und braun – zumindest waren das damals, also 1985, die Trendfarben. Die supercoolen Jungs hatten besagte Zündapp Hai, das war ein Crossmofa. Das Ding machte mächtig etwas her. Eigentlich machten alle Mofas mächtig etwas her. Nebenbei: Coole Mädchen fuhren Motorroller oder Hollandfahrrad.


Meine Eltern schenkten mir eine Herkules Prima 3s. Das machten sie nicht, um mich zu ärgern. Sie wussten es nicht besser, und das Mofa wurde gerade günstig verkauft. Der Verkäufer kaufte sich übrigens eine Prima 5s, aber das sei nur am Rande erwähnt. Zwischen 5 und 3 gab es einen mächtigen Unterschied. Die Prima 3s war alles andere als cool, weil sie einen extrem schmalen Tank hatte. Das brachte mir viel Spott ein. Ohne jetzt in die #meetoo-Debatte einsteigen zu wollen… das Teil war ein typisches Frauenmofa. Schlank, elegant… mein Nolan-Helm und der Nierengurt passten da nicht rein. Kein Rocker schnallt sich ein Körbchen auf den Gepäckträger oder hatte Lenkradfransen am Gashebel.

Ich bekam den Spitznamen „Schmalotank“, was eine Kombination aus den Wörtern „Schmal“ und „Tank“ sein sollte und ward fortan als Frauenversteher gebrandmarkt. 1984 war Frauenversteher noch kein Titel, auf den die Mädchen flogen. Aber egal. Wer diese Spottzeit übersteht, noch dazu im besten Pubertätsalter, ist gewappnet fürs Leben. Meine Eltern hatte nicht viel Geld, deshalb war ich froh, dass sie mir überhaupt ein Mofa kauften.


Ich war natürlich gern gesehener Gast bei all den Mofagängs, die es damals in Holzwickede gab. Natürlch aus rein psychologischen Gründen. Neben meiner bordeauxroten Prima 3s sah jede andere Mofa wie ein Motorrad aus. Wer neben mir sein Mofa aufbockte, der glänzte. Auf einer Fahrt unserer Mofagang zum Möhnesee habe ich es geschafft, dank meiner ungeschickten Hände und im vollen Bewusstsein absolut überhaupt keine Ahnung von einem Mofamotor zu haben, die Kiste auf 15 km/h zu drosseln. Das kam besondern bei den Mädels gut an. Die konnten mich nun spielend mit ihren Hollandrädern überholen. Das Mofa hatte auch noch zwei Gänge. Im ersten Gang hätte ich bei dieser Geschwindigkeit nicht einmal einen Hering hinter mir herziehen können. Bei so mancher Steigung musste ich sogar in die Pedalen treten. Trampeln aufm Mofa ging gar nicht. Mal ehrlich: Es gibt doch wirklich kein erbärmlicheres Bild, als strampelnde Mofafahrer.


In meine Mofazeit fiel die Helmpflicht. Ich durfte von April bis Ende September 1985 noch ohne Helm fahren, das war aber nicht so lässig, wie der schwarze Helm mit der Sonnenblende. Vor allem all die Mofahrer aus unserer Gang die rauchten hatten unter der Helmpflicht zu leiden. Zacki war so ein Typ, Als dann zum 1. Oktober 1985 die Helmpflicht Zwang wurde, trug Zacki seinen Helm immer nur halb auf dem Kopf, weil er aufs

Die Honda MB8 (Foto: www.databikes.com)

Rauchen nicht verzichten wollte. Warum er sich nicht gleich einen so genannten Calimero-Helm gekauft hatte, also einen ohne Kinnschutz, bleibt sein Geheimnis. Nach der Mofa- kam die Mopedzeit. Ich hatte 400 Mark gespart und mir dafür eine Honda MB 8 gekauft, keine Honda MBX, die hatte nämlich einen dicken, männlichen Tank, die MB 8 hatte einen dünnen. Einmal schlank, immer...


Reichen eigentlich 49 Jahre, na gut, fast 50 Lebensjahre aus, um eine Halbzeitbiografie zu schreiben? Ich denke, es hat sich eine Menge Kurioses, Schönes, Nachdenkliches und Lustiges angesammelt. Bis zu meinem 50. Geburtstag schreibe ich einige Erinnerungen hier einfach einmal nieder. Will doch keiner lesen? Ja Gott, dann lasst es. Wen es interessiert ... willkommen in meiner Welt.

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