• Lars Reckermann

Das Geheimnis des verdreckten Autos

Aktualisiert: März 26


Ein Foto, fünf Wörter, eine Geschichte. Oliver (opo) hat mir ein Foto und fünf Wörter geschickt. Mit dem Bild und aus den Wörtern muss ich eine (fiktive) Geschichte schreiben - binnen eines Tages. Die Wörter: Salat, Schnitzel, Hefezopf, Gullideckel und Manschettenknopf.


Das Foto von opo. Und jetzt folgt die Geschichte dazu.

Der Neue war gerade erst in die idyllische Siedlung gezogen. Wenn man sich schon eine Doppelhaushälfte teilt, muss das nachbarschaftliche Verhältnis zu 100 Prozent stimmen. Zaun an Zaun, Wand an Wand... Oli ergriff deshalb direkt beim Einzug des neuen Nachbarn die Initiative und lud ihn zu sich ein. Er musste wissen, ob er mit der Person zusammenleben konnte.


Wie konnte sein früherer Nachbar das Haus nur verkaufen, ohne mit ihm Rücksprache zu halten? Oli stapfte aufgeregt durch den Flur. Was lag denn da unter dem Sideboard? Er fingerte einen Manschettenknopf unter der Anrichte hervor. „Ulrike!“, rief er nicht laut aber bestimmend durch den Flur. Ängstlich untergeben kam seine Frau aus der Küche. Sie kannte diese Stimme. Etwas war nicht in Ordnung. Was konnte es sein? Das Haus war wie immer blitzblank. Die Dosen im Regal standen mit dem Etikett nach vorne in den Schränken einsortiert. Die Platzdecke auf dem Esstisch lag exakt in der Mitte des Tisches. Oli hatte seiner Frau zum 30. Geburtstag extra einen Kreuzlinienlaser von Bosch gekauft. Nichts durfte in seinem Haus aus dem Lot geraten.


Olis Neurose wurde erst nach der Hochzeit zu einer echten psychischen Störung. Einmal brüllte er seine Frau zusammen, weil ein einziges Stück Hagelzucker auf dem von ihr gebackenen Hefezopf fehlte. Auf jeder Zopfschleife hatten exakt 27 Stück Hagelzucker zu liegen. Das hatte Oli so bestimmt. Obwohl Ulrike beim Servieren extra noch einmal nachgezählt hatte, war beim Transport von der Küche ins Esszimmer ein Hagelkorn heruntergefallen. Oli war ausgerastet. Sie musste den ganzen Tag das Stückchen Zucker in der Wohnung suchen. Oli saß derweilen mit der Packung auf der Couch und beobachtete sie dabei. Nicht, dass sie noch ein Stück aus der Packung stibitzt und ihm etwas vorgaukeln will.


„Was ist das?“ Oli zeigte auf den goldenen Knopf. „Ein Manschettenknopf“, antwortete Ulrike etwas irritiert. „Ich trage keine Manschettenknöpfe.“ Ulrike wurde nervös. „Eventuell hat ihn der Doktor verloren.“ Wer ihn verloren hatte, interessierte Oli aber nicht. Wieso lag er so offensichtlich herum. Er musste ihn nicht einmal suchen. Wenn ihr schon solche Lappalien durch die Lappen gingen. Was kam als Nächstes?


Oli wurde wütend. Ulrike kannte diese Ausbrüche nur zu gut. Er ballte die Hände zu Fäusten, hyperventilierte und griff sich den Linienlaser. Die Bilder hingen exakt im Lot. Er riss den Kühlschrank auf. Im oberen Bereich stand die Marmelade nach Buchstaben sortiert, vorne Apfel, hinten die Himbeerkonfitüre. Die Milchprodukte standen darunter. Oli griff zum sündhaft teuren Digital-Thermometer. 6,5 Grad Celsius. Passte für diesen Bereich des Kühlschranks. Im unteren Regal lagen Wurst und noch ein Stück Hackbraten in der darunterliegenden Schublade der Salat. Temperatur beim Salat: 12 Grad Celsius. Auch das war okay.


Oli beruhigte sich etwas. Es schellte an der Tür. Nicht jetzt, dachte er. Oli ging zur Tür. Der neue Nachbar. „Wir waren doch erst für morgen Abend verabredet“, wollte Oli ihn direkt an der Tür abfertigen. In dieser angespannten Situation konnte er keinen Zaungast gebrauchen. Seine Atmung wurde wieder schneller. Oli hörte den Puls in seinem Ohr. „Heute oder morgen, ist doch egal. Ich bin da, ihr seid da, sind wir heute einfach mal spontan.“ Oli war so spontan wie ein Gullideckel. Er wollte heute in Ruhe gelassen werden. Alles andere musste geplant werden. Der ungebetene Gast stand aber schon im Flur.


„Oliver Haag, das ist meine Frau Ulrike“, stellte Oli kurz die Hausbewohner vor. Er hatte nicht vor, seinen neuen Nachbarn jetzt ins Haus zu lassen. Es war nichts vorbereitet. Oli hatte extra eine Flasche kräftigen Rotwein gekauft. Der musste mindestens zwei Stunde in der Karaffe atmen. „Lars, ich bin der Lars.“ Oli schaute ihn fragend an. „Und weiter?“ Wer stellte sich denn nur mit Vornamen vor? Lars lächelte. „‘Tschuldigung… Lars Ritzel, Ritzel wie Schnitzel, vorne aber ein R statt eines S.“ Olis Knie sackten kurz weg. „Der Vergleich passt nicht. Dann würden Sie ja Rnitzel heißen“, sagte Oli gequält. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen. Jetzt schnappte er schon nach Luft. Was für ein Idiot. „Schuhe an oder aus?, fragte Lars. „Aus“, sagte Oli. Auf diese Frage antwortete er bereits konditioniert. Dabei wollte er Lars gar nicht ins Haus lassen. Das war zu viel für ihn. Was passierte hier gerade? Lars fegte die Schuhe von seinen Füßen. Er öffnete nicht einmal die Schnürsenkel – bei Businessschuhen. Zum Vorschein kamen am linken Fuß eine dunkelblaue Socke und am rechten eine schwarze. Der Laie hätte es nicht bemerkt. Oli japste jetzt. Bei der dunkelblauen Socke war die Hacke durchgelaufen. Oli konnte den nackten Fuß sehen. Ihm wurde schwarz vor Augen. Als er zusammensackte, versuchte Ulrike ihn aufzufangen. Lars war schneller. Bevor Oli mit dem Kopf auf die Anrichte aufschlug, fing ihn Lars auf. „Er kollabiert“, schrie Lars zu Ulrike. Lars hielt Oli nun in den Armen. Er drückte sein Ohr auf Olis Brust. „Das Herz rast, das ist nicht normal, das ist so eine Art Hinterhofdingens“, schrie er. „Vorhofflimmern... das Wort heißt Vorhofflimmern“, verbesserte ihn Oli. Jetzt verdrehte er ob des idiotischen Nachbarn und des drohenden Kreislaufkollaps‘ die Augen.“


Lars griff sich Oli und trug ihn zu seinem Auto. Oli spürte, wie das Leben seinen Körper verließ. Lars‘ Auto war total verdreckt. Es war so richtig verdreckt. Nicht nur die Radkästen, auch die Scheiben waren voller Schlammspritzer. Nein, Oli durfte nicht in diesem Wagen sterben. Nicht in einem völlig verdreckten Skoda Yeti. Wer fuhr denn mit so einer Dreckskarre durch die Stadt? „Nicht, nicht“, jammerte Oli. Lars öffnete die Wagentür hinter der Beifahrertür. Das letzte, was Oli sehen konnte, war der rechte Vorderreifen, der auf dem weißen Streifen stand, der die Parkfläche markierte. Dann starb er.


Am Tag nach der Beerdigung, schellte Lars bei Ulrike. Ulrike öffnete – und lächelte. „Kann ich meinen Manschettenknopf wiederhaben?“, fragte er.

Lust, Euch an der Aktion zu beteiligen? Schickt mir ein von Euch gemachtes Bild und fünf Wörter dazu. Sollte am Tag mehr als ein Bild bei mir eintrudeln, müsste ich um Aufschub bitten. Ich arbeite dann von vorne weg.

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